Die Schule



Grundschule Scheeßel begeht 2011 ihr 100 jähriges Standortjubiläum

von André Ricci, Rotenburger Rundschau



Die Schule gehört in individualisierten Gesellschaften zu den wenigen verbliebenen Erfahrungen, die alle Menschen miteinander

teilen. Niemand entkommt ihr. Fast jeder findet sie wichtig und fast jeder hat wohl auch irgendetwas an ihr auszusetzen. Kaum eine Institution wandelt sich kontinuierlicher. Das gilt auch für die Grundschule Scheeßel, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Standortjubiläum feiert.

Am 31. Juli 1911 wurde das Gebäude am Kreuzberg seiner Bestimmung übergeben. Fortan beherbergte es eine Volksschule mit acht Klassen und angeschlossener Lehrerwohnung. Erster Rektor war Schulmeister Friedrich Lemmermann (1865 – 1949). Das Vorgängerdomizil hatte sich nur einige Meter weiter befunden, dort, wo heute der provisorische Parkplatz gegenüber dem Rathaus eingerichtet ist (ehemaliges Supermarktgelände). Trotz verschiedener Aufstockungen wurde es in diesem Haus immer enger. Die Schülerzahlen wuchsen schneller als die Raumkapazitäten, so dass der Ruf nach einem Neubau lauter wurde. Der Befreiungsschlag gelang und bescherte fast 40 Jahre Ruhe an der Baufront – bis 1950, als die Schule einen zusätzlichen hinteren Teil und 1954 erstmals eine Turnhalle (inklusive Lehrschwimmbecken) verpasst bekam. Zuvor fand der Sportunterricht bei Wind und Wetter unter freiem Himmel statt.

Die Volksschule wurde 1969 zur Grundschule umbenannt und 1976 nochmals umgebaut und wesentlich erweitert. Durchstreift man heute die Räume der Bildungseinrichtung, kann man sich mithin nie ganz sicher sein, wie alt die Decken und Wände eigentlich sind, zwischen denen man steht. Es sei denn, man hat einen kundigen Führer wie Uwe Wahlers an seiner Seite. Viele Scheeßeler kennen die Grundschule, als Eltern, Schüler, Lehrer, Besucher öffentlicher Veranstaltungen. Doch Wahlers ist mit ihr verwachsen wie wohl kein Zweiter. Nicht nur, weil er seit 18 Jahren als ihr Rektor fungiert. Bereits sein Vater leitete einst die Schule, Johann Wahlers war der Vor-Vorgänger seines Sohnes in dieser Funktion. Selbst die Schulbank gedrückt hat Uwe Wahlers übrigens in Bartelsdorf, einer der zahlreichen kleinen Dorfschulstandorte, die nach und nach zugunsten des Kernorts aufgegeben wurden. Seit 1976, dem Jahr der letzten großen Erweiterung des Lehrgebäudes, beginnen grundsätzlich alle Kinder der Gemeinde ihre Schulkarriere in Scheeßel – mit einer kleinen Ausnahme. Denn die Grundschule in Hetzwege entkam überraschenderweise ihrer Schließung. "Die haben eine eigene Turnhalle“, nennt Wahlers den ausschlaggebenden Grund dafür.

Ein Jubiläum gibt Anlass zum Innehalten, Bilanzziehen und Erinnern. Ganz leicht fällt Wahlers das jedoch nicht, denn der runde Geburtstag fällt in eine Zeit, in der die Grundschule sich wieder einmal auf Veränderungen einstellt und der Blick eher nach vorn als in die Vergangenheit gerichtet ist. Am 11. April wird die neue Mensa eingeweiht, ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Grundschule seit 2008 offizielle Ganztagseinrichtung ist – eine der ersten ihrer Art in ganz Niedersachsen. Und zum kommenden Schuljahr starten vier der fünf einzurichtenden neuen ersten Klassen in den jahrgangsgemischten Unterricht. Erst- und Zweitklässler werden gemeinsam beschult und nach einem Jahr wechseln die Neuzugänge entweder in die dritte Jahrgangsstufe oder verbleiben für eine weitere Runde in der gemischten Klasse.

"Schule steht nie still“, sagt Wahlers. Die Gesellschaft unterliege dem ständigen Wandel und mit ihm wechselten die Ansprüche an die Schule. "Den pädagogischen Königsweg gibt es nicht.“ Und Konstanten? Wahlers überlegt kurz. "Was sich nicht verändert hat ist, dass Kinder eigentlich immer gerne lernen“, sagt er schließlich. "Sie brauchen aber Angebote auf ihrem individuellen Niveau.“ Nicht zuletzt die erstmals 2000 durchgeführten internationalen Pisa-Studien, die manche Defizite des deutschen Bildungssystems gegenüber anderen Ländern aufzeigten, lenkten den Blick der Politik verstärkt auf die Kindergärten und Grundschulen. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass Länder, die viel in frühkindliche Bildung investieren, auch in den höheren Schulen bessere Ergebnisse vorzuweisen hatten. "Es geht darum, Kindern früh Erfolgserlebnisse zu verschaffen“, sagt Wahlers.


In den vergangenen 100 Jahre habe es die Tendenz gegeben, sich vom ursprünglichen Abteilungsunterricht in mehrstufig geführten Klassen immer mehr in Richtung der getrennt beschulten Jahrgangsklassen sowie des Fachlehrerunterricht zu bewegen. "Jetzt dreht sich das wieder etwas, weil die individuelle Förderung des einzelnen Kindes stärker in den Blick geraten ist und Pisa gezeigt hat, dass längeres gemeinsames Lernen zu insgesamt besseren Ergebnissen führt.“

Die Einführung der jahrgangsgemischten Eingangsstufe dürfte manche ältere Semester an die eigene Schulzeit erinnern, in der es ganz normal war, dass größere und kleinere Kinder in einem Klassenverband unterrichtet wurden. Die teilweise Rückkehr zu diesem System ermögliche passgenauere Förderung, ist Wahlers überzeugt. Niemand bekommt das Gefühl vermittelt, Sitzenbleiber zu sein. Trotzdem ermöglicht die gemischte Eingangsstufe es, Kinder je nach individuellem Entwicklungsstand ein oder zwei Jahre in der Anfangsklasse zu behalten.


Lange habe man sich auf die Reform vorbereitet, berichtet Wahlers. Kollegium und Elternvertreter besuchten etwa Schulen in Buchholz und Münster ( Wartburg-GS ), die bereits modellhaft mit dem neuen System arbeiten. Anfängliche Skepsis wandelte sich bei vielen in Begeisterung für die neuen Möglichkeiten. Andere blieben reserviert. Der Start der neuen Eingangsstufe bleibt deshalb auf vier von fünf Klassen beschränkt. Schulelternratsvorsitzende Birgit Wieborg erhofft sich viel von dem Reformschritt. "In den Modellschulen konnte man sehen, wie die Größeren den Kleineren helfen und überhaupt sehr selbstständig gearbeitet wurde. Diese sozialen Fähigkeiten sind genau das, was die Kinder in ihrer weiteren Schullaufbahn und erst recht im späteren  Berufsleben brauchen. Es ist gut, früh damit anzufangen.“ Wahlers ergänzt: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – das alte Sprichwort ist immer noch wahr.“

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die das Nachdenken über jahrgangsgemischte Altersstufen beförderten, beschreibt der erfahrene Pädagoge dahin, dass die Bandbreite der Voraussetzungen, die Eltern und Schüler mitbringen, immer größer wird. "Manche Kinder kommen zu uns und können schon Rechnen, Schreiben und mit dem Computer umgehen. Andere können nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen.“ Die Unterstützung aus den Elternhäusern variiere gleichfalls stark. Manche Kinder kommen ohne Materialien in den Unterricht, manche besitzen kein Sportzeug. Längst beschäftigt die Grundschule einen eigenen Sozialarbeiter, wenn auch nicht mit einer ganzen Stelle. "Ohne kommt man heute nicht mehr aus.“

So wandelt sich die Schule, so wandelt sich die Gesellschaft. Zum Jubiläum soll mit einem großen Programm auf die vergangenen 100 Jahre zurückgeblickt werden. In vier Arbeitsgruppen bereiten Lehrer und Eltern die Feierlichkeiten vor (Sponsoring-, Skulptur-, Festschrifts- und Ausstellungsgruppe). Sie tragen alte Fotos, Dokumente und sonstige Exponate zusammen. Dazu zählt auch das alte mechanische Großuhrwerk, das von 1911 bis 198 anzeigte, wann der Unterricht beginnt und das heute beim Uhrmachermeister Reinhold Wedel steht. "Voll funktionstüchtig“, wie er schwärmt. Gerne gibt er das edle, gut gepflegte Stück als Leihgabe für die geplante Schulaustellung heraus. Kein Stück symbolisiert besser das Spannungsfeld zwischen alt und modern, Beständigkeit und wandel, als das wuchtige Uhrwerk in seinem hölzernen Originalgehäuse.